Wessen Wissen wissen wir und wessen Wissen gilt als Wissen?

Über den schmalen Grad zwischen kultureller Aneignung, kritischem Weißsein und kulturellem Austausch und Integration

An dieser Stelle soll es darum gehen, kritisch zu hinterfragen, was die Trommelschule Beat-Etage eigentlich macht.

Eine Schule für westafrikanische Percussion, von einem weißen deutschen Mann gegründet aufgebaut und geleitet? Das Spiel auf afrikanischen Trommeln vermittelt durch Lehrer, die nicht aus dem Kulturkreis kommt, wo auch die Instrumente herkommen? Warum fühlt sich das irgendwie verdreht an? Was fühle ich da? Welche inneren Bilder entstehen da in mir?

Bevor Antworten auf diese Fragen debattiert werden können, bedarf es der Klärung einiger Begriffe und der Beschäftigung mit der Postkolonialismusforschung:

Kulturelle Aneignung (cultural appropriation)

Mit kultureller Aneignung ist in der Regel der Vorwurf gemeint, dass privilegierte Menschengruppen sich Symbole, Gegenstände und Praktiken von nichtprivilegierten Menschengruppen abschauen, aneignen und einverleiben.

Beispielsweise landeten im Laufe der Kolonialgeschichte aus vielen Kulturen Gegenstände in europäischen Museen. Es gibt etliche Fälle, in denen sich Museen dagegen wehren, diese Gegenstände zurück zu geben, obwohl eine Rückerhalt dieser von den Menschen der Herkunftsregion als extrem wichtig bewertet wird.

Kulturelle Aneignung wird von manchen Menschen als ein Prozess empfunden, der nichtprivilegierte Gruppen ihrer Geschichte beraubt, ihnen die Erzählfähigkeit einer eigenen Geschichte abspricht und sie stattdessen einer angeblich „universellen Geschichtserzählung“ unterordnet.

Kritiker*innen des Vorwurfs der kulturellen Aneignung bemängeln, dass dieses Denken auf problematischen Gruppenidentitäten aufbaue bzw. diese festschreibe und, ähnlich wie rechte Konzepte, von „ethnischen“ Identitäten und Eigenschaften ausgehe. Die Klage über kulturelle Aneignung sei daher essenzialisierend, heißt es von Kritikern.

„Mit dem Vorwurf der kulturellen Aneignung wird meiner Ansicht vor allem eines sichtbar gemacht: die Kontinuität gewaltvoller Kolonialgeschichte. Das heißt, koloniale Gewalt wird als reale Gewalt, in Form von Rassismus und kultureller Aneignung, nicht in der Vergangenheit erlebt, sondern als alltägliche Erfahrung im Hier und Jetzt. Diese reale Gewalt besteht darin, die Deutungshoheit über die eigene Geschichte verloren zu haben und zu geschichtslosen bzw. vergangenen Objekten gemacht zu werden.“ (Noa Ha, Missy Magazine, 03.11.16, https://missy-magazine.de/blog/2016/11/03/kulturelle-aneignung-und-koloniale-gewalt/)

Kritisches Weißsein (critical whiteness)

„Es ist erst einmal eine sehr, sehr alte intellektuelle Übung schwarzer Menschen, um zu überleben. Es ist ein sehr detailliertes, komplexes und psychoanalytisches Lesen von weißen Privilegien und wie diese in der Gesellschaft umgesetzt werden. Es muss verstanden werden, wie Weißsein die Norm ist und die Schwarzen als das Andere definiert werden“, sagt Prof. Dr. Grada Kilomba. Mit der Theorie könnten Schwarze die Machtstrukturen aushebeln, mit denen sie konfrontiert werden.

Aus der Perspektive weißer Menschen bedeutet der Grundgedanke des kritischen Weißseins: „Sich mit den eigenen Privilegien auseinanderzusetzen – erst mal ein erstrebenswertes Ziel. Es ist aber eine sehr sensible, selbstreflexive Tätigkeit, die geschützte Räume braucht“, sagt Prof. Dr. Vassilis Tsianos.

Von den Objekten zu den Subjekten

„Vereinfacht gesagt lenkt die kritische Weißseinsforschung den Blick von denjenigen, die Rassismus erfahren, auch auf diejenigen, die Rassismus ausüben. Von den Objekten zu den Subjekten. Von Schwarz auf Weiß. Im Idealfall beginnt dabei ein Prozess, den Menschen durchlaufen, die sich mit ihrem Weißsein und damit verbundenen Privilegien auseinandersetzen. Dabei durchlaufen Weiße klassischerweise fünf psychologische Mechanismen“, wie André Vollrath sagt: Verleugnung. Schuld. Scham. Anerkennung. Wiedergutmachung.

Prozesse der Selbstpositionierung, wie bspw. weiß, deutsch, hetero, links ect. werden sehr kritisch diskutiert und sind teilweise schwer nachzuvollziehen, dennoch sehen viele Forscher dies als einen wichtigen Entwicklungsschritt im Zuge eines Gesamtprozesses an mit dem Ziel Herrschaftsverhältnisse zu verändern. „Schwarze Menschen wurden immer als schwarz markiert, das war nie ein Problem. Aber was passiert, wenn das ummarkierte Weißsein auf einmal sichtbar gemacht wird? Mit der Selbstpositionierung werden weiße Menschen verletzlicher. Es geht darum, Weißsein sichtbar zu machen. Es ist sehr verstörend für weiße Menschen sich zu positionieren, weil sie es gewohnt sind, sich nur als Mensch zu identifizieren und Weißsein unsichtbar zu machen. Aber es gibt keine machtvollere Position, als sich nur als Mensch zu sehen und die Norm zu bestimmen.“ sagt Grada Kilomba, Professorin und Künstlerin (http://gradakilomba.com).

Im linken Milieu wird heftig über die Theorie des kritischen Weißseins diskutiert. Sie wird kritisiert und hinterfragt. Critical Whiteness spaltet die antirassistische Szene. Streitpunkt ist jedoch weniger die Theorie selbst, sondern ihre praktische Umsetzung.“ (Ippolito & Kalarickal, 2013, Taz-Artikel: http://www.taz.de/Debatte-Critical-Whiteness/!5066842/)

Vielleicht spüren Sie als Leser gerade ebenso die irritierenden Emotionen, die aufkommen, wenn Sie die oben stehenden Informationen lesen. Vielleicht sind Sie empört, werden wütend, traurig oder sehen sich euphorisch bestätigt in einer Einstellung. Wie dem auch sei, es sind meistens vielschichtige und starke Emotionen, die bei diesem Thema aufkommen, für schwarze, wie für weiße Menschen. Aus Sicht energetisch arbeitender Therapeuten befindet man sich an einer Kriegsfront, wenn diese Thema aufkommt, denn Jahrhunderte brutalster Kolonialzeit mit Millionen von ermordeten, verschleppten und schwer traumatisierten Menschen sind an keinem einzigen Menschen energetisch gesehen spurlos vorüber gegangen und das wird auch leider für viele weitere Generationen so bleiben! Achtsame Menschen kennen diese Emotionen gut und beschäftigen sich täglich kognitiv damit, weniger achtsame haben es vielleicht schwer mit den aufkommenden Emotionen umzugehen, wenn es um ein tieferes Hinterfragen von Normen, Wissen und Privilegien unserer Welt geht und befinden sich bei tieferer Auseinandersetzung häufig in der ersten Phase, wie von Vollrath beschrieben: der Verleugnung.

Doch Verdrängung und Verleugnung haben der Menschheit noch nie weitergeholfen. Ganz im Gegenteil: Verdrängung und Verleugnung werfen die Entwicklung eines Menschen immer wieder schwer zurück, wenn sie auch kurzfristig als psychologische Schutzmechanismen ihre Berechtigung haben.

Was steht hinter all diesen Gedanken? Ein humanistisch orientierter Mensch würde sagen, dass wir Menschen doch im tiefsten Inneren unseres Herzens nach Frieden, Kooperation und Harmonie streben. Doch wie kommen wir dahin? Pessimisten sagen, den Zustand von globaler Harmonie und Frieden wird die Menschheit nie erreichen. Die Menschen werden immer versuchen, sich gegenseitig zu dominieren. Optimisten hingegen sagen, dass es möglich ist, Frieden und Harmonie zwischen den Menschen entstehen zu lassen. Klar ist, dafür braucht es Generationen, die bewusst die Prozesse fördern, die zu mehr Frieden und Harmonie in und zwischen uns führen. Einer dieser Prozesse kann ein Hinterfragen dessen sein, was wir als Norm wahrnehmen und wie wir mit Privilegien umgehen. Kultureller Austausch und Integration sind unumstritten Grundelemente eines friedlichen Daseins verschiedener Kulturen. Aber ab wann ist die Grenze zu kultureller Vereinnahmung und respektlosem Verhalten überschritten? Welche impliziten Einstellungen habe ich von einer anderen Kultur? Woher beziehe ich mein Wissen über andere Kulturen? Wer ist Repräsentant einer Kultur? Was ist überhaupt eine Kultur? Wichtige Fragen, auf die es nicht immer eindeutige Antwort gibt.

Wenn Menschen ausreichend Ruhe und Raum haben um achtsam durch den Alltag zu gehen, spüren sie häufig sehr gut, ab wann die Grenzen zwischen Frieden und Krieg schon beginnen. Es sind feinste Nuancen, die zu Harmonie oder Disharmonie in und zwischen den Menschen führen. Insbesondere fällt es vielen Menschen schwer, Widersprüche und verschiedene Interpretationen auszuhalten. Diskrepanzen zwischen Menschen können von diesen häufig nur schwer langfristig ertragen werden und führen schnell zu Konflikten. Eine Gleichschaltung aller Einstellungen und Verhaltensweisen wäre einer Diktatur gleichzusetzen. Wer es immer allen recht macht, verliert sich selbst. Wer nur auf sich selbst schaut, stößt sich den Kopf an anderen. Was kann uns also helfen, um die Diversitäten des menschlichen Daseins nicht als Dissonanz, sondern als Bereicherung, Ergänzung und Weiterentwicklungsmöglichkeit zu erleben? Diese Fragen kann nur jeder für sich individuell beantworten. Und vielleicht entstehen auch in einem selbst widersprüchliche Antworten.

Traurige Tatsache ist, dass die Geschichte der Menschheit in den letzten Jahrtausenden scheinbar nur selten und wenig erfolgreich durch Menschen geprägt wurde, die auf die oben genannten Fragen wirksame Antworten gefunden haben.

Aber was bedeuten all diese Informationen nun für die Beat-Etage? Wird die Grenze zur kulturellen Aneignung überschritten, indem ein weißer Deutscher Trommelrhythmen aus Westafrika unterrichtet? Darf die Kunst einer Trommelkultur nur von jemandem vermittelt werden, der dieser Kultur ursprünglich entstammt? Ist Kunst frei? Inwieweit ist die Weiterverbreitung und Weiterentwicklung von Kunst – in diesem Fall Musik – an die Herkunftskultur geknüpft? Wer darf mit Kulturgütern Geld verdienen? Inwieweit macht ein Urheberrecht auf Kunst und Kultur Sinn? Ab wann verstehen sich Menschen als Repräsentanten von Kunst und Kultur? Wo fängt Frieden an, wo hört Krieg auf? Wo fängt Kooperation an, wo hört Konkurrenz und Dominanz auf? Bedeutet Friede gleich Harmonie? Kann Friede in einer multikausalen und multidimensionalen Welt möglicherweise nur durch das Aushalten gewisser Anteile von Disharmonie entstehen?

Fragen über Fragen, deren Antworten von Menschen höchst verschieden gegeben werden. Doch das Stellen dieser Fragen allein verhilft schon dazu, sich dem Frieden in und zwischen den Menschen ein Stück weit zu nähern. Es hilft niemandem langfristig weiter, die Augen davor zu verschließen, dass es Fragen und Antworten gibt, die sich auch einmal höchst unangenehm anfühlen und das eigene tun kritisch hinterfragt.

Als Leiter der Beat-Etage ist mir das gesamte Thema ein wichtiges Anliegen und es ist mir wichtig, mich diesen Fragen und Antworten zu stellen. Dank vieler kritischer Menschen, die sich mit dem Thema des kritischen Weißseins tiefer beschäftigen komme ich immer wieder an den Punkt, das Vorhaben Beat-Etage kritisch zu hinterfragen und Versuche zu unternehmen, neue Gedanken zu integrieren. Aus diesem Grund ist es mir wichtig, in der Trommelschule LehrerInnen mit verschiedenem kulturellem Hintergrund die Möglichkeit zu geben die Kunst der Djembe- und Dundun-Musik an Interessierte weiter zu geben und damit die Gelegenheit zu bieten, die Debatte weiter zu führen, anstatt sich vor ihr zu verstecken. Bis im Jahr 2017 unterrichteten Trommel-Lehrer aus Guinea nur zu Workshops in der Beat-Etage. Im Herbst 2017 wurde das Team gleich durch drei Lehrer erweitert, die alle einem völlig verschiedenen Kulturkreis entstammen, unter anderem auch aus Guinea (siehe Lehrer). Allerdings ist klar: um die Debatte in Zukunft noch diverser führen zu können, fehlt es an Trommel-Lehrerinnen in der Beat-Etage. Die Einbindung von Lehrerinnen in der Beat-Etage wäre ein weiterer Schritt in Richtung Frieden bezüglich der oben genannten Gedanken.

An dieser Stelle ist es mir wichtig, die Menschen mit ihren verschiedenen Ansichten zu Wort kommen zu lassen. Ich bitte ausdrücklich darum, die unten stehende Kommentarfunktion zu nutzen, um dort seine Gedanken darzustellen und die Möglichkeit zu einem respektvollen Austausch und zu einer niveauvollen Debatte zu geben.